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Biografisches

Erinnerungen an meinen Vater, Lothar Wolleh

Erzählungen über Workuta kenne ich seit meiner frühesten Jugend. Seitdem ich denken kann, ist mir dieser bitterkalte Ort am Eismeer, in dem die Nacht nie zu enden schien, vertraut. In Dunkelheit fährt man in Eiseskälte in die Kohlegrube ein, und in Dunkelheit kommt man aus ihr zurück. Ein Ort enormer Härte, an dem sich auch die Schönheit des Polarlichtes findet, ein Ort des Misstrauens und großer Solidarität.

Mein Vater starb wenige Tage nach meinem 14. Geburtstag. Als ich von seinem Tod erfuhr, war einer meiner ersten Gedanken: "Er hat Workuta überlebt, wie kann er jetzt so einfach sterben!". Wir hatten nach normalen Maßstäben nicht viel Zeit zusammen und dennoch durchzieht Workuta als roter Faden meine Erinnerungen an ihn. Sein Ziel war es, mich auf alle Eventualitäten des Lebens vorzubereiten, und für ihn bedeutete dies, mir einzutrichtern, was alles an einem Ort wie Workuta geschehen kann und wie man einen Gulag überlebt.

Und so lernte ich, wie man Brot stiehlt – dass die Kunst darin besteht, es beim Verladen in einem unbeobachteten Moment so wegzuwerfen, dass es die Schneedecke durchschlägt –, und wie man sich die gefrorene Beute dann nachts heimlich holt. Ich erfuhr, wo man einen Mann mit einem einzigen Faustschlag treffen musste, um ihn unschädlich zu machen und dass man im Zweifel immer "erst zuschlagen, dann fragen" sollte. Dass Stolz tödlich sein kann. Dass Mitleid ein Luxus ist. Dass nur die Stärksten überleben. Dass nur das eigene Leben etwas zählt und das der anderen nichts.

Workuta konnte sich in jede erdenkliche Alltagssituation einschleichen und dies, obwohl wir die ganze vierte Etage eines Penthouses in Düsseldorf bewohnten. Trauer über ein verstorbenes Haustier konnte schnell zu wütenden Ausbrüchen meines Vaters führen. Wen hatte er nicht alles in Workuta sterben sehen. Da muss niemand über einen toten Hasen weinen. Blitzschnell konnte mich eine Strafe ereilen, weil ich mich mit dem Rücken zu einer Tür gesetzt hatte. So war es auch nicht verwunderlich, dass mein Vater in die Taschenlampe, die er mir einmal zu Weihnachten geschenkt hatte, seine Gefangenennummer eingeritzt hatte. Da haben die Jungs im Internat nicht schlecht gestaunt. Das war nicht einfach eine Lampe, mit der man nachts noch etwas unter der Bettdecke lesen konnte. Dies war ein "Lichtschwert", in dem acht Batterien steckten und mit dem man ohne Problem die Bäume nachts ausleuchten konnte, die 100 Meter entfernt vom Haus standen. Und für den Fall, dass einer meiner Internatskameraden sie mir stehlen sollte, konnte ich jederzeit beweisen, dass diese Lampe Nr. 083341 gehört.

Mein Vater hat nicht viel von dem Mann gesprochen, der ihn bei den Sowjets denunziert und dieser menschenfressenden Maschinerie ausgeliefert hatte. Ich weiß, dass er sich jahrelang geschworen hatte, den Gulag zu überleben, nur um ihn danach zu töten. Als mein Vater freikam, suchte und fand er diesen Mann, aber er hat ihn Gott sei Dank nicht getötet. Das weiß ich schon seit 40 Jahren, und ich weiß heute auch, dass dieser Mann sehr alt geworden ist.

Als ich zehn war, fragte mich meine Mutter ob ich Lust hätte, auf ein Internat in Bonn-Bad Godesberg zu gehen. Dies sei eine sehr gute Schule, erklärte sie mir, und außerdem würde es mir guttun, wenn mein Vater mir nicht mehr so viele Geschichten von Workuta erzählen könne.

Trotz all der Härten war Workuta auch ein Ort des Lichtes und der Menschlichkeit. So erzählte mein Vater mir immer wieder vom Polarlicht und auch davon, dass die Gefangenen eine Kamera im Lager gebaut hätten. Dies erschien mir als Kind vollkommen phantastisch. Heute sind diese Aufnahmen die ältesten Negative und Bilder im Nachlass des Fotografen Lothar Wolleh. In entscheidenden Momenten hat mein Vater in Workuta auch viel Menschlichkeit erlebt. So haben ihn Kameraden aus einem verschütteten Stollen befreit, und man hat tatsächlich "Medizin aus Moskau" für ihn geholt, um eine schwere Erkrankung zu behandeln. Irgendjemand hatte entschieden, ihn nicht sterben zu lassen. Es war wie ein Wunder. Ich glaube, hier liegt der Grund, warum er bereits Ende der 1960er Jahre in die Sowjetunion gefahren ist und den Fotoband "UdSSR – Der Sowjetstaat und seine Menschen" veröffentlicht hat.

Die Geschichten über Workuta wurden nie chronologisch erzählt. So vermischten sich die Erzählungen über den Karzer mit den Berichten über die Folter nach seiner Verhaftung und den Traumata des Bombenkrieges und des Endkampfes in Berlin. Erst viel später gelang es mir, die Ereignisse in ihrem historischen Ablauf zu gliedern.

Nach dem Tod meines Vaters im Jahre 1979 gab es lange keinen Anlass mehr für mich, über Workuta nachzudenken. Dies änderte sich, als ich Anfang der 1990er Jahre auf einer internationalen Tagung auf Teilnehmer aus Russland traf. Abends beim Wein fragte ich einen von ihnen, ob er etwas über Workuta wisse. Er stutzte einen Augenblick und antwortete etwas amüsiert: "Niemand weiß etwas über Workuta."

Ich fragte, ob er vielleicht jemanden kenne, der einmal in Workuta war, und er antwortete: "Niemand war jemals in Workuta."

Und weil ich es immer noch nicht begriffen hatte, fragte ich ein weiteres Mal: "Ob er eventuell einmal nach Workuta fahren würde?", und er antwortete: "Niemand will nach Workuta."

Oliver Wolleh
Berlin, November 2016

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