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Nachruf
Am 30. August 2026 verstarb Helga Sperlich im Alter von 94 Jahren in Reutlingen.
Wer würde erahnen, welchen Lebensweg diese Frau hinter sich hat – mit ihrem dichten, zu einem feschen Dutt gebundenen, schneeweißen Haar und dem stets leicht lächelnden Zug um die Mundwinkel? Ihre Augen, die noch immer neugierig in die Welt blicken, lassen vermuten, dass sie der jungen Generation noch so manche Lebensweisheit mit auf den Weg geben könnte. Wenn man sie denn fragen würde. Aufdrängen würde sie sich jedenfalls nicht – dafür ist sie viel zu höflich und zurückhaltend.
Helga Sperlichs Biografie ist eine deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, voller Brüche. Aber gebrochen haben sie Helga Sperlich nicht.
Geboren wurde Helga Sperlich, geb. Starke, die von allen nur Heli gerufen wurde, am 30. Mai 1932 in Landsberg an der Warthe, das heute Gorzów Wielkopolski heißt. Ihre Mutter starb unmittelbar vor ihrem achten Geburtstag. Ihr Vater war in Landsberg als Rechtsanwalt und Notar tätig. Am 30. Januar 1945 floh er mit Heli vor der anrückenden sowjetischen Armee nach Naumburg (Saale), seine Heimatstadt. Dort legte sie im Juni 1950 ihr Abitur ab. Anschließend zog die Familie nach Werder an der Havel. Von dort pendelte Heli täglich zum Astrophysikalischen Institut in Potsdam, wo sie als wissenschaftliche Rechnerin arbeitete.
In Werder erlebte sie, wie sie später erzählte, einen „verrückten Sommer“ mit ihrer Cousine Ursula und vielen Freundinnen. Ihre Tante habe große Probleme gehabt, weil bei ihr ständig „Highlife“ gewesen sei, erzählte Helga Sperlich später in einem Interview mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der unbeschwerte Sommer endete abrupt mit der ersten Verhaftung.
Über Ursula war Helga Sperlich mit einer Gruppe junger Leute in Kontakt gekommen, die sich aus der Schule in Werder und einer Laienspielgruppe kannten. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur im Mai 1945 waren sie zwischen 13 und 17 Jahre alt. Sie wussten mehr oder weniger, was eine Diktatur bedeutete. Für kurze Zeit schien eine neue Freiheit möglich: kein Strammstehen mehr, kein Marschieren, kein Führerkult, kein Fahnenschwenken.
Die Hoffnung währte nicht lange. Das frei gewählte Schulparlament wurde aufgelöst und durch eine FDJ-Gruppe ersetzt. Mitschüler wurden trotz guter Leistungen aus politischen Gründen nicht zur Oberschule zugelassen. Noch war die Grenze nach West-Berlin offen. Wer in Werder also nicht weiterlernen durfte, konnte in West-Berlin zur Schule gehen oder studieren.

- Helga Sperlich, 2018.
Doch in Werder und Umgebung formierte sich Widerstand gegen die für den 15. Oktober 1950 angesetzte Volkskammerwahl mit ihren Einheitslisten. Etwa 30 junge Frauen und Männer verteilten Flugblätter und Texte gegen die Wahl, zerrissen heimlich SED-Wahlpropaganda und weigerten sich, an Fahnenappellen teilzunehmen oder irgendwelchen Funktionären Treue zu schwören. Einige der jungen Männer hatten sich aus West-Berlin sogar eine kleine Flugblattrakete besorgt, mit der sie die Flugblätter mehrere hundert Meter weit abschossen. In der Luft öffnete sich die Kapsel, und die Blätter verteilten sich über ein größeres Gebiet. Und Heli kannte einige dieser Leute. Ab und an warf sie eine Postsendung für sie ein.
Am 29. August 1951 wurde Helga Sperlich in Glindow bei Werder festgenommen. Das MfS übergab sie anschließend der sowjetischen Besatzungsmacht. Mehr als vier Monate saß sie im Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes in der Potsdamer Lindenstraße. Nach brutalen Verhören wurde sie dort am 8. Januar 1952 von einem sowjetischen Militärgericht wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Straflager verurteilt – zusammen mit drei weiteren Frauen. Helga Sperlich wurde nach Workuta in den sowjetischen Gulag deportiert, in ein Arbeitslager jenseits des Polarkreises. Und ihre Familie wusste nicht, wo sie war. Sie war verschwunden. Spurlos.
Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt, passenderweise am Todestag Stalins, am 5. März 2020, erzählte Helga Sperlich in der Bundesstiftung in Berlin von ihrer Ankunft in Workuta. Noch immer war ihr das Entsetzen anzuhören, als sie schilderte, wie sie im Mai 1952, in einem Sommerkleid, im noch winterlichen Workuta ankam. An den Füßen zeigten sich bald erste Erfrierungen.
In speziellen Gefangenenwaggons waren sie, zusammengepfercht und notdürftig versorgt, bis in die Polargegend transportiert worden. Bei klarer Sicht konnte Helga am Horizont die Berge des Urals erkennen, doch wenn die Purga, der Schneesturm, tobte, sah sie nicht einmal mehr die eigene Hand vor Augen. Auf dem Weg zur Arbeit mussten sich alle an einer Leine festhalten. Ein falscher Schritt genügte, um die Orientierung zu verlieren – und zu erfrieren. In diesem menschenfeindlichen Klima musste die zierliche Helga Sperlich im Gleisbau schwerste körperliche Arbeit verrichten.
Woher nahm diese kaum 20jährige Frau die Kraft, das alles auszuhalten: Entbehrung, Hunger, Heimweh und Hoffnungslosigkeit? Vielleicht half ihr der Gedanke an Heini Fritsche, einen Mitgefangenen aus der Potsdamer Lindenstraße, den sie über den Austausch primitiver Klopfzeichen kennengelernt hatte.
Und wie verliebt man sich in einen Menschen, dessen Gesicht man nie gesehen, dessen Stimme man nie gehört hat? Nur einmal war Heini ihr kurz begegnet. Auf einem Menschenumschlagbahnhof in Moskau rannte er plötzlich auf sie zu – und verschwand ebenso schnell wieder. Dass auch er nach Workuta gekommen war, erfuhr Helga erst mehr als vierzig Jahre später.
Auch das Schicksal der jungen Frauen und Männer aus Werder wurde erst nach Jahrzehnten bekannt. Acht Menschen waren von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und nach Monaten in Moskau hingerichtet worden, sieben von ihnen waren erst zwischen 20 und 24 Jahre. Vierzehn weitere wurden zu zehn bis 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Sechs junge Frauen und Männer verurteilte das Landgericht Potsdam im März 1952 zu dreieinhalb bis sechs Jahren Zuchthaus. Der kurze Sommer, den die Werderaner Jugendlichen so voller Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft erlebt hatten, war endgültig vorbei.
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde Helga im Sommer zunächst nach Tapiau bei Königsberg transportiert. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Fritz Sperlich kennen. Auch er hatte in Workuta Gefangenschaft und Zwangsarbeit erlebt – als deutscher Kriegsgefangener. Aber erst im Dezember 1953 durfte Helga nach Hause zurück. Am 8. Januar 1954, auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrer Verurteilung, floh sie in den Westen. Im September 1954 heiratete sie Fritz Sperlich und ließ sich in Reutlingen südlich von Stuttgart nieder. Sie wurde Mutter zweier Töchter, später Großmutter und Urgroßmutter.
Am 30. August 2026 ist Helga Sperlich friedlich in ihrem Zuhause eingeschlafen.
Wie wenig bekannt dieses Kapitel bis heute ist, zeigte sich dieser Tage in der Bundesstiftung. Eine 83-jährige Zuhörerin sagte erschüttert, sie habe von alldem noch nie gehört und wisse nicht einmal, wo Workuta liege. Ein anderer fragte, wie man so alt werden und dabei so frisch und klar bleiben könne. Und Helga Sperlich, mittlerweile 88 Jahre alt, antwortete mit trockenem Humor: „Tja, wir waren dort viel an der frischen Luft. Das tat uns anscheinend gut.“ Es ist kein Humor über das Geschehene. Es ist Humor im Leben danach – und sagt viel über Helga und ihren Umgang mit dem Erlebten aus.
Im März 1996 wurde Helga Sperlich von der russischen Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert. Die Initiative dazu war von einer kleinen Gruppe ehemaliger politischer Gefangener aus Workuta ausgegangen, darunter auch Heini Fritsche. Eine Entschuldigung gab es nicht, ebenso wenig eine angemessene Wiedergutmachung. Aber mehr als 40 Jahre nach ihrer Verurteilung wurde das Urteil offiziell als Unrecht anerkannt.
Wir werden Helga Sperlich stets ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt ihren beiden Töchtern und deren Familien.
Stefan Krikowski