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Nachruf
Am 4. August 2026 verstarb Rosel Blasczyk im 99. Lebensjahr in einem Seniorenheim in Landau in der Pfalz.Dort hatte ich die Frau mit dem wirklich schönen, bildhaften Vornamen in den vergangenen Jahren besucht. Trotz altersbedingter Bekümmernisse war sie immer noch lebensbejahend und hatte bei passender Gelegenheit einen ihrer Scherze parat. Dies ist nicht zuletzt der innigen und aufopferungsvollen Begleitung und Pflege durch ihre einzige Tochter Susanne zu verdanken. Niemand im Heim ahnte, dass eine ihrer Bewohnerin mehr als acht Jahre in sowjetischen Haftlagern verbracht hatte, bis eine der Pflegerinnen einen Podcast über Rosel im Internet fand. Jetzt war sie in aller Munde. Für die Workutanerin zugleich erfreuende Anerkennung wie tiefe Genugtuung.
- Rosel Blasczyk, Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion in Karlsruhe, 2014
Kennengelernt habe ich Rosel Blasczyk im Mai 2014 auf dem Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion in Karlsruhe. Der Sprecherrat um Horst Schüler hatte mich gebeten, über die Erfahrungen von weiblichen Häftlingen im GULag zu referieren. Im anschließenden Gespräch erzählten die anwesenden Frauen eindringlich über ihre ganz persönlichen Erlebnisse in Workuta. Grund genug, die Erfahrungen dieser beeindruckenden Frauen zu bewahren. Rosel Blasczyk besuchte ich drei Monate danach in ihrem Heimatort Annweiler am Trifels. Über fünf Stunden lang erzählte sie mir aus ihrem dramatischen Leben.
Rosel Blasczyk kam am 23. Februar 1928 in Groß Wandriß, Kreis Liegnitz, im damaligen Niederschlesien zur Welt. Sie wuchs als Tochter eines Schuldirektors und seiner Frau im Kreise von sechs Geschwistern auf. Nach der Volksschule begann sie eine Ausbildung zur Landwirtschaftslehrerin. 1945 floh die Familie vor der heranrückenden Sowjetarmee nach Westdeutschland. Anfang 1946 übersiedelte die Familie nach Beelitz in der Sowjetischen Besatzungszone. Hier wurde Rosel Blasczyk im April 1947 während einer Razzia auf einer Tanzveranstaltung von sowjetischen Soldaten verhaftet. Der Grund, ihr Ausweis, der aus der Englischen Besatzungszone stammte. Nach strapaziösen Verhören in einem Gefängnis der Besatzungstruppen in Potsdam wurde die 19-Jährige, ohne Gerichtsverfahren und Urteil, ab Sommer des gleichen Jahres im Sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert. Während der Auflösung dieses Haftlagers wurde die junge Frau nicht wie die meisten Leidensgefährtinnen entlassen, sondern in das Gefängnis Berlin-Lichtenberg überstellt. Dort teilte man ihr mit, sie sei von einem Sondergericht des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der UdSSR in Moskau wegen Spionage für den englischen Geheimdienst zu zehn Jahren "Besserungsarbeitslager" verurteilt worden. Sie ging im Herbst 1950 auf Transport und erreichte über Brest-Litowsk und Moskau den Lagerkomplex von Workuta, hinter dem Polarkreis. Unter widrigsten Existenzbedingungen leistete die junge Frau Zwangsarbeit in einer Ziegelei, beim Lehmabbau, beim Gleisbau und Holzeinschlag. Nach acht Jahren und sechs Monaten Haft wurde Rosel Blasczyk am 15. Oktober 1955 entlassen. Sie übersiedelte zu ihren Eltern nach Lüneburg in der Bundesrepublik Deutschland. Mit 27 begann sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin, die sie 1959 erfolgreich abschloss. Bis zu ihrer Pensionierung 1988 arbeitete sie in verschiedenen Einrichtungen. Sie heiratete 1961 und brachte später ihre Tochter Susanne zur Welt. Während all der Jahre hielt Rosel Blasczyk intensiven Kontakt zu ehemaligen Haftkameradinnen und war verbundenes Mitglied der Lagergemeinschaft Workuta. 2005 erfolgte ihre vollständige Rehabilitierung durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation.
Im März des Jahres 2020 war sie Gast in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und berichtete auf einer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentages über ihre Hafterfahrungen. Wer die Stimme dieser beeindruckenden Frau hören möchte, der folge dem Link des Gulag-Archiv: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/archiv/gulag-zeitzeugenarchiv/rosel-blasczyk. Hier erzählt Rosel in dem bereits erwähnten Podcast über ihr bewegtes Leben.
Dr. Meinhard Stark