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Nachruf

Am 19. Mai 2024 verstarb Hans Günter Aurich im Alter von 91 Jahren in Kronberg im Taunus.

Das Foto auf dem Studentenausweis der Universität Leipzig zeigt Hans Günter Aurich als ernsten aber zuversichtlich dreinblickenden Heranwachsenden von noch nicht mal 18 Jahren. Bei Kriegsende ist er gerade 12 Jahre alt. Sein Vater ist 1944 im Krieg gefallen. Ab 1947 besucht Hans Günter Aurich die Friedrich-Engels-Oberschule in seinem Geburtsort Meuselwitz, an der er 1950 auch sein Abitur ablegt. Geprägt ist er durch den nur 4 Jahre älteren Junglehrer Wolfgang Ostermann mit seinen Idealen des Humanismus, der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie. Durch ihn wird Hans Günter Aurich für die Verbrechen des Nationalsozialismus sensibilisiert.

Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur glaubt Aurich an einen Neuanfang. Um den Lehrer Wolfgang Ostermann bildet sich eine kleine Schülergruppe, die kritische Texte und Literatur studiert und sogar einzelne Flugblätter mit Kritik an den Einheitslisten bei Wahlen verteilt. Schnell spüren Aurich und seine Mitschüler, dass diese freiheitlichen Gedanken mit der heraufziehenden kommunistischen Diktatur kollidieren.

Am 10. November 1950 wird Hans Günter Aurich an der Universität Leipzig immatrikuliert. Am 26. April 1952 wird er zusammen mit fünf weiteren ehemaligen Meuselwitzer Schülern verhaftet – Aurich selbst bezeichnet es als eine Verschleppung – und in das berüchtigte NKWD-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße überstellt. Wie hat er die drei Monate der so genannten Untersuchungshaft bloß überstanden? Die nächtlichen Verhöre bedeuten Folter durch Schlafentzug. Am Ende ist er gebrochen und gesteht, was das NKWD ihm zur Last legt: Vorbereitung zum aktiven Widerstand, Spionage, Vorbereitung terroristischer Handlungen sowie antisowjetische Propaganda. Mit den erpressten Geständnissen fällt ein Sowjetisches Militärtribunal am 16. Juli 1952 schwerste Urteile gegen insgesamt sieben Personen. Grundlage ist der berüchtigte 58er Strafparagraph des russischen Strafgesetzbuches. Vier der Mitangeklagten erhalten ein Todesurteil, von denen eines später in eine Haftstrafe umgewandelt wird. Hans Günter Aurich und zwei seiner Mitangeklagten werden zu jeweils 25 Jahren Strafarbeitslager verurteilt.

Das Foto auf dem Studentenausweis der Universität Marburg zeigt den Studenten der Chemie Hans Günter Aurich fünf Jahre älter. Die kindlichen Gesichtszüge sind weg. Aber sein Blick ist fest. Hinter ihm liegen drei Jahre GULag. Von Oktober 1952 bis Januar 1955 muss er in 10-Stunden Schichten in den Schächten vom Lager Nr. 4 in Workuta schuften. Die tägliche Schinderei im Schacht, die langen Fußmärsche bei eisiger Kälte vom Lager zum Schacht und zurück, die Schikanen der Wachmannschaft und die der Mithäftlinge bringen ihn an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit. Aber am Schlimmsten, so schreibt er, empfindet er die Hoffnungslosigkeit: Keine Nachricht von zu Hause, keine Aussicht auf Rückkehr.

Hans Günter Aurich mit 22 Jahren kurz nach seiner Freilassung im Oktober 1955.

Dank Bundeskanzler Konrad Adenauer kommt auch Hans Günter Aurich frei. Am 16. Oktober 1955 wird er im Aufnahmelager Friedland registriert. Endlich FREIHEIT! Das Foto, aufgenommen kurz nach seiner Ankunft, zeigt ihn mit leuchteten Augen.

Keine drei Wochen später ist er an der Universität Marburg immatrikuliert, wo er sein Studium mit Promotion abschließt. 1970 wird er an seiner Universität Professor für Organische Chemie. 1958 heiratet er seine geliebte Ruth. Sie bekommen eine Tochter.

Nach seinem Ruhestand besucht Hans Günter Aurich einige der Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta. Vor allem sorgt er sich um die Aufarbeitung der Verbrechen der sowjetischen Besatzungsmacht.

Der Streit um die Ausgestaltung der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam belastet ihn sehr, denn er sieht, dass die Zeitzeugen der kommunistischen Diktatur nicht genügend partizipierend eingebunden und entsprechend in den Ausstellungsräumen gewürdigt werden.

Hans Günter Aurich hat weder seinen Lehrer Wolfgang Ostermann, der ihn so sehr prägte, noch seine Mitschüler Heinz Eisfeld und Helmut Paichert – alle drei zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet – vergessen. An seiner Schule in Meuselwitz – heute Veit-Ludwig-von Seckendorff-Gymnasium – wird am 8. September 2001 eine Gedenktafel "Zum Gedenken an die Opfer der kommunistischen Diktatur und an den Widerstand an unserer Schule" eingeweiht. Die Gedenkrede hält Hans Günter Aurich.

Am 19. Mai 2024 verstirbt Hans Günter Aurich im Alter von 91 Jahren in Kronberg im Taunus. Wir denken in diesen schweren Stunden an seine Frau und an seine Tochter.

Hans Günter Aurich, der nie seinen thüringischen Akzent verloren hat, war ein so höflicher Mensch mit feinem, unterschwelligem Humor. Die Lagergemeinschaft Workuta / GULag Sowjetunion wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.


Stefan Krikowski