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Nachruf
Am Pfingstsonntag, den 9. Juni 2019 verstarb Dietmar Bockel im Alter von 88 Jahren in Ludwigsburg.
Dietmar Bockel wurde am 17. Dezember 1930 in Jena geboren. Aufgewachsen ist er als einziges Kind von Rudolf Bockel und seiner Ehefrau Lore in Mühlhausen. Dort war sein Vater als Lehrer tätig. Später, in der DDR, als er nicht mehr Lehrer sein durfte, arbeitete er als Taxifahrer.
Nach dem Abitur nahm Dietmar Bockel eine Schlosserlehre im VEB Möve-Werk Mühlhausen auf, um anschließend zum gewünschten Studium für Maschinenbau delegiert zu werden.
Als Jugendlicher hatte er Flugblätter gegen die aufziehende Diktatur in der SBZ verteilt. Zusammen mit seinen Kameraden wurde er in Mühlhausen, seiner Heimatstadt, von der DDR-Staatsicherheit am 5. August 1950 verhaftet und entgegen § 10 der Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949, "Kein Bürger darf einer Auswärtigen Macht ausgeliefert werden", an die russischen Besatzer, Freunde genannt, übergeben. Von Beginn an war die DDR ein Unrechtsstaat. Damit nicht genug.
Bockel und sein Klassenkamerad Ulrich Bednarek wurden in das Stasi-Gefängnis "Weißes Haus" in Weimar verschleppt. Die Bevölkerung nannte es die "Folterhölle". Dietmar Bockel war dort tagelang in einer Wasserzelle eingesperrt und durfte nur stehen. Knöchelhoch stand dort Wasser. Es lief von den Wänden und tropfte von der Decke. Der junge Mann wurde krank.
Die jungen Abiturienten bzw. Lehrlinge wurden einer Gruppe zugeteilt, die ausschließlich der Spionage bezichtigt wurde. Man kannte sich nicht. Das sowjetische Militärtribunal (SMT) 48240, eine gefürchtete mobile "Rechtsinstanz", urteilte am 18. März 1951 über die "Gruppe Peters" schnell und hart: Walther und Gertrud Peters, Kurt Cramer und Horst Zschuppe, Spielzeughändler, wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt; sie wurden am 14. Juni 1951 in Moskau hingerichtet. Die anderen, Dietmar Bockel, Otto Rabe, Georg Voigt und Gerhard Welcke (Opernkapellmeister in Leipzig) bekamen je 25 Jahre Arbeitslager zugeteilt. Lediglich Ulrich Bednarek erhielt die "Kinderstrafe" von 10 Jahren. Offenbar stand er nicht unter der Anklage der Spionage.
"Erst allmählich begriffen wir", so Dietmar Bockel rückblickend 1998, "was da vor sich ging. Man hatte uns als politischen Sondermüll den Russen überlassen. Zu diesem Zeitpunkt behauptete die Regierung der DDR ein völkerrechtlich souveräner Staat zu sein. Die Überlassung eigener Staatsbürger an einen anderen Staat, steht meines Erachtens ohne Beispiel da. Als wir später sowjetische Justizoffiziere auf unsere Nationalität aufmerksam machten und wünschten, vor ein deutsches Gericht gestellt zu werden, zeigte man uns irgendwelche Papiere. Aus denen ging hervor, dass die DDR uns ausgebürgert hatte. Wir waren fortan Freiwild."

- Dietmar Bockel, 2008.
Sie alle, neun an der Zahl, sind 1994 von der russischen Hauptstaatsanwaltschaft rehabilitiert und in allen Anklagepunkten für unschuldig erklärt worden. Die Unrechtshandlungen blieben ungesühnt, die Täter unbestraft. Die Asche der vier Hingerichteten wurde in einem Massengrab verscharrt, nahe dem ehemaligen Kloster Donskoje bei Moskau. Auf dem gleichen Friedhof wurde auch der NKWD-Henker Wassili M. Blochin (1895-1955) bestattet, der Tausende seiner Opfer durch Genickschuss umgebracht hatte.
Dietmar Bockel kam in das berüchtigte sowjetische Straflager Workuta, nördlich des Polarkreises gelegen, ausgewiesen mit "verschärften Regime". Trostlosigkeit, Hunger und Kälte bestimmten seinen schweren Alltag. Monate später wurde er im Lager 10, Schacht 29, unter Tage zur Messung des Gases eingesetzt. Am 1. August 1953 geschah das Unfassbare. Im Schacht 29 wurde einen Tag zuvor die Arbeit niedergelegt. Ein Streik, der sich zum Aufstand ausbreitete und blutig niedergeschlagen wurde. 64 Tote und mindestens 123 Verletzte sind zu beklagen. Dietmar Bockel blieb unverletzt und konnte seinen schwer verletzten Freund Heini Fritsche zu dem gefangenen Arzt Suslin schleppen. Heini Fritsche überlebte.
Über 170 Briefe schrieb Vater Rudolf Bockel an Institutionen, lokale Funktionäre und an die sogenannten Repräsentanten der DDR, um über das Schicksal seines Sohnes eine Auskunft zu erhalten. Vergebens! Der Junge blieb nach der Verhaftung am 5. August 1950 für die Eltern verschwunden. Lediglich Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann (LDPD) kümmerte sich. Sein Schreiben über den Verbleib von Dietmar Bockel an den damaligen Staatssekretär Erich Mielke blieb unbeantwortet. Die Blockparteien waren ohne Einfluss. Die DDR ein Rechtsstaat? Erst nach über drei Jahren erfuhren die Eltern von Dietmar Bockel, dass ihr Sohn in sowjetischem Gewahrsam war und zu einer Strafe von 25 Jahren verurteilt wurde. Endlich, nach der Intervention von Konrad Adenauer in Moskau, kam auf Umwegen über Rewda auch Dietmar Bockel frei. Am 16. Dezember 1955 traf er im Grenzdurchgangslager Friedland ein und einen Tag später, an seinem 25.Geburtstag, wurde er von Verwandten abgeholt. Zwei Tage darauf trafen seine Eltern ein. Nach 5 ½ Jahren sahen sie ihren Sohn wieder. 1956 begann er an der Universität Stuttgart mit dem Studium für Maschinenbau. Als Diplom-Ingenieur arbeitete er von 1961-1996 bei der Daimler-Benz AG.
Spät, nach der deutschen Wiedervereinigung, kam auch die Anerkennung für Dietmar Bockel. Sein Kampf, früh für demokratische Rechte eingetreten zu sein, war nicht umsonst. So lange er konnte, besuchte er die Jahrestagungen der Lagergemeinschaft Workuta. Dietmar Bockel lebte mit seiner Ehefrau Helga, mit der er seit 1969 verheiratet war, in Eberdingen (Baden-Württemberg) und ist in Ludwigsbug am 9. Juni 2019 gestorben. Mit der Ehefrau trauern die zwei Töchter Kerstin und Eva um ihren Vater.
Dr. Horst Hennig und Prof. Dr. Gerald Wiemers